Klimawandel in Österreich: Wo stehen wir heute?
Der zweite Austrian Assessment Report (AAR2) von 2025 zeigt klar, dass Österreich sich seit dem vorindustriellen Zeitraum etwa doppelt so stark erwärmt wie der globale Durchschnitt hat. Die durchschnittliche Temperatur lag in 2024 +3°C über den historischen Durchschnitt. Diese Zahl ist keine Zukunftsprojektion, sondern beschreibt den aktuellen Zustand des österreichischen Klimas.
Zentrale Befunde aus dem AAR2:
- Hitzewellen und tropische Nächte nehmen stark zu – mit Folgen für Gesundheit, Produktivität und Infrastruktur.
- Extreme Niederschlagsereignisse, Dürreperioden und Murenabgänge treten häufiger auf.
- Wirtschaftliche Schäden durch klimabedingte Ereignisse liegen bereits heute bei rund 2 Mrd. € pro Jahr; bis 2050 wird ein deutlicher Anstieg erwartet.
- Gletscher und Schneesicherheit gehen massiv zurück – mit Auswirkungen auf Wasserverfügbarkeit, Energie und Tourismus.
Kippelemente: Warum Klimarisiken für Unternehmen sprunghaft zunehmen
Ein häufiger Irrtum: +1,5 °C klingen nach „ein bisschen wärmer“.
Tatsächlich reagieren Klimasysteme nicht linear, sondern auf Basis sogenannter Kippelemente. Das bedeutet: Veränderungen verlaufen lange scheinbar moderat – bis ein Schwellenwert überschritten wird. Dann können sich Risiken plötzlich, stark und teilweise irreversibel verstärken.
Kippelemente wirken dabei nicht isoliert: Es gibt eine Vielzahl solcher Elemente im Erdsystem – etwa in Eisschilden, Ozeanen, Wäldern oder atmosphärischen Zirkulationssystemen. Entscheidend ist: Veränderungen an einem Ort können weit entfernte Regionen beeinflussen und dort neue Risiken auslösen.
Für Unternehmen hat das konkrete Konsequenzen:
- Risiken steigen sprunghaft, nicht schrittweise. Standorte oder Lieferketten können über Jahre stabil erscheinen, bevor Schäden und Ausfälle abrupt zunehmen.
- Planungsannahmen verlieren ihre Gültigkeit. Historische Wetterdaten reichen nicht mehr aus, um zukünftige Risiken zuverlässig abzuschätzen.
- Extreme werden zum Normalfall. Hitzewellen, Starkregen oder Dürre treten häufiger auf und belasten Infrastruktur, Prozesse und Mitarbeitende.
Genau deshalb reicht es nicht aus, Klimarisiken als langsam wachsende Herausforderung zu betrachten.

Grafik: Räumliche Verteilung der globalen und regionalen Kippelemente. Die Farben bezeichnen den Temperaturbereich, in dem ein Kippen wahrscheinlich wird. Quelle: PIK (unter CC-BY Lizenz) auf Basis Armstrong McKay et al., Science (2022).
Was bedeutet das konkret für Unternehmen in Österreich?
Die Veränderungen des Klimas haben längst ökonomische Konsequenzen:
- Versicherbarkeit: In Hochrisikoregionen steigen Prämien stark oder Versicherungen werden gar nicht mehr angeboten. Nach den Hochwasserereignissen 2024 kam es regional zu Einschränkungen bei Neuabschlüssen.
- Lieferketten & Produktion: Extremwetter betrifft nicht nur eigene Standorte. Produktionsausfälle, Logistikunterbrechungen und Rohstoffknappheit nehmen zu – insbesondere in Industrie und Landwirtschaft.
- Finanzierung & Unternehmenswert: Banken und Investoren berücksichtigen Klimarisiken zunehmend. Fehlende Vorsorge kann sich direkt auf Finanzierungskosten und Unternehmensbewertung auswirken.
Wie können sich Unternehmen vorbereiten?
Einzelmaßnahmen von Unternehmen reichen nicht aus, um dem Klimawandel wirksam zu begegnen. Dafür braucht es systemische Veränderungen, wie sie von der Wissenschaft an die Politik adressiert werden.
Was Unternehmen jedoch sehr wohl tun können: Sich gezielt auf die Folgen vorbereiten und ihre Widerstandsfähigkeit stärken.
Klimarisikoanalysen sind dafür heute unverzichtbar. Sie helfen, Risiken frühzeitig zu erkennen, Handlungsoptionen abzuleiten und strategische Fehlentscheidungen zu vermeiden.
Die zentralen Schritte im Überblick:
a) Gefahren systematisch erfassen
- Standorte bewerten:
Analysieren Sie alle Unternehmensstandorte hinsichtlich ihrer Exposition gegenüber Extremwetterereignissen wie Hochwasser, Hitze oder Dürre. Grundlage sind aktuelle Gefahrenkarten und Klimaprojektionen.
- Wertschöpfungsketten prüfen:
Identifizieren Sie kritische Lieferanten, Vorleistungen und Transportwege, die durch Extremwetter, Ressourcenknappheit oder regulatorische Eingriffe beeinträchtigt werden könnten.
- Wirtschaftsaktivitäten fokussieren:
Prüfen Sie Geschäftsmodelle gezielt nach Exposition und Abhängigkeiten. Dabei sollten nicht nur physische Klimafolgen, sondern auch Transitionsrisiken berücksichtigt werden – also Risiken, die sich aus gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und regulatorischen Reaktionen auf den Klimawandel ergeben, etwa durch CO₂-Bepreisung, neue Anforderungen oder veränderte Markterwartungen.
b) Szenarien anwenden und Handlungsoptionen ableiten
Ein zentraler Bestandteil jeder Klimarisikoanalyse ist die Arbeit mit Szenarien. Unternehmen können dabei auf:
- etablierte Szenarien zurückgreifen (z. B. von NGFS oder der International Energy Agency),
- oder eigene, unternehmensspezifische Szenarien entwickeln.
Szenarien kombinieren Emissionspfade (z. B. RCPs, SSPs) mit nachvollziehbaren Narrativen und machen damit mögliche Zukunftsentwicklungen greifbar. Wichtig: Szenarien sind keine Prognosen, sondern strategische Denkmodelle.
c) Risiken konkret formulieren
Entscheidend ist die Übersetzung von identifizierten Gefahren in unternehmensspezifische Risiken:
Führen klimatische Veränderungen zu Produktionsausfällen? Zu Lieferkettenunterbrechungen? Oder zu direkten physischen Schäden an Assets?
Unabhängig von der gewählten Methodik ist eine klare Verbindung zwischen klimatischer Veränderung und betrieblicher bzw. finanzieller Auswirkung zentral. Diese kann auf unterschiedliche Weise hergestellt werden – etwa über Wirkungsketten, Szenariovergleiche oder qualitative Bewertungen durch Fachexpert:innen.
d) Integration ins Risikomanagement
Klimarisiken sollten in bestehende Risiko- und Steuerungssysteme integriert werden. Dabei ist auch die Betrachtung von Wechselwirkungen wichtig – etwa mit Lieferketten-, Finanz- oder operationellen Risiken.
Für wesentliche Risiken empfiehlt sich zudem die Definition von Indikatoren, um relevante Entwicklungen laufend zu beobachten und rechtzeitig reagieren zu können.
e) Geschäftsmodell und Strategie weiterentwickeln
Werden wesentliche Klimarisiken identifiziert, stellt sich die zentrale Frage: Sind diese Risiken für das Geschäftsmodell tragbar? Ist das nicht der Fall, fehlt es an Resilienz.
Unternehmen haben dann grundsätzlich zwei Optionen:
- Risiken bewusst akzeptieren und „business as usual“ fortführen, oder
- Geschäftsmodell, Standorte oder Wertschöpfung anpassen.
Genau hier setzt eine Resilienzanalyse an. Sie ist keine zusätzliche Analyse mit neuen Szenarien, sondern die konsequente Nutzung derselben Instrumente, um die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zu überprüfen.
Einen guten Ordnungsrahmen bietet hier der Klimastandard von IFRS Foundation (IFRS S2), der Klimarisiko-, Szenario- und Resilienzanalyse systematisch einordnet.
f) Reporting und Kommunikation
Schaffen Sie Transparenz über identifizierte Klimarisiken und geplante Anpassungsmaßnahmen – gegenüber Investoren, Mitarbeitenden, Kund:innen und der Öffentlichkeit.
Das kann in Anlehnung an etablierte Berichtslogiken wie die TCFD erfolgen oder im Rahmen der Nachhaltigkeitsberichterstattung
Praxisempfehlungen aus der Beratung
Aus unserer Arbeit zeigt sich immer wieder:
- Ziel, Scope und Zeithorizont klar festlegen: Geht es um physische Risiken, Übergangsrisiken oder eine Kombination? Für welche Standorte, Geschäftsbereiche und Entscheidungen soll die Analyse genutzt werden?
- Szenarien richtig einordnen: Szenarien sind keine Prognosen, sondern strategische Denkmodelle. Sie helfen, mit Unsicherheit umzugehen und auch extreme, aber plausible Entwicklungen mitzudenken.
- Interdisziplinär arbeiten: Klimadaten allein reichen nicht. Entscheidend sind Kenntnisse zu Geschäftsmodell, Prozessen und Wertschöpfung. Genau deshalb gibt es bei Klimarisikoanalysen keine „One-Click-Lösungen“.
- Übergangsrisiken nicht unterschätzen: In vielen Branchen sind regulatorische, marktgetriebene oder gesellschaftliche Veränderungen heute relevanter als physische Klimarisiken.
Nicht bei der Analyse stehen bleiben: Wo Risiken wesentlich sind, braucht es konkrete Maßnahmen – und einen klaren Plan, wie diese umgesetzt und nachgehalten werden.
Klimarisiken sind ein zentraler Bestandteil moderner Klimastrategien – gemeinsam mit Emissionsminderung, Transformationspfaden und Governance.
Neben klassischer Beratung bieten wir Workshops/Praxisseminare, die gezielt zur Vertiefung und Befähigung interner Teams beitragen, sowie regelmäßige Webinare, in der wir aktuelle Entwicklungen, methodische Fragen und Praxisbeispiele aufgreifen.
Einen Einblick in unsere Arbeitsweise und eingesetzten Methoden bietet auch unser Climate Toolkit: klima.susform.at Dort finden Sie strukturierte Einstiege und Demo-Tools zur Analyse physischer und transitorischer Klimarisiken.
Quellen
[1] Zweiter Österreichischer Sachstandsbericht zum Klimawandel | AAR2 | AAR2
[2] Kippelemente – Großrisiken im Erdsystem — Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
[3] Global Climate Highlights 2025 | Copernicus
[4] Schneetrends in Österreich: Schnee bleibt immer kürzer liegen