Die EU hat mit dem Omnibus-Paket Anfang 2026 die CSDDD deutlich entschärft[1] und auch das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) wird politisch abgeschwächt.[2] Wer daraus schließt, das Thema Lieferkette sei vom Tisch, liegt aber falsch.
Der Trickle-Down-Effekt bleibt
Auch nicht-berichtspflichtige Unternehmen spüren weiterhin die Nachfrage nach Lieferkettendaten: Große berichtspflichtige Unternehmen, Banken und Finanzinstitute benötigen u.a. für ihre eigenen CSRD-Berichte Daten aus der Lieferkette. Die EU-Kommission hat darauf reagiert und offiziell empfohlen, dass diese Unternehmen ihre Informationsanfragen an nicht börsennotierte KMU und Kleinstunternehmen am neuen EU-Reportingstandard VS (Voluntary Standard, damals VSME) ausrichten, statt ihre Lieferanten mit jeweils eigenen Fragebögen zu konfrontieren.[3] Die Anwendung des Standards selbst bleibt grundsätzlich freiwillig, wird in der Praxis aber bereits zum Referenzrahmen, an dem sich Datenanfragen orientieren.
Hinzukommen Committments von Unternehmen, die diese nicht aufgrund von regulativen Pflichten eingehen, und diese auch an ihre Lieferanten weiterreichen. Wie ernst Unternehmen das nehmen, zeigt beispielsweise der Handel: Lidl verpflichtete schon 2024 seine größten Lieferanten – die für 75 % der produktbezogenen Scope-3-Emissionen verantwortlich sind –, sich bis 2026 Klimazielen gemäß der Science Based Targets initiative (SBTi) zu setzen.[4] Da über 99 % der Lidl-Gesamtemissionen in Scope 3 liegen, ist das Mitwirken der Lieferanten ein entscheidender Faktor der Dekarbonisierung.
Was uns die Praxis zeigt: Fokus auf CO2 und Material
Diese Entwicklung deckt sich mit dem, was wir auch in den susform-Sommergesprächen von zahlreichen Unternehmen gehört haben: Vor allem Datentransparenz ist gefragt – und zwar konkret entlang zweier Achsen. Zum einen CO₂-Informationen entlang der Lieferkette, zum anderen Materialinformationen wie Rezyklierbarkeit und Sekundärstoffanteile von eingesetzten Rohstoffen und Vorprodukten. Diese Datenpunkte hängen eng zusammen: Wer weiß, woraus sein Produkt besteht und wie gut es sich im Kreislauf führen lässt, hat gleichzeitig eine bessere Datengrundlage für die THG-Bilanzierung und Dekarbonisierungsmaßnahmen entlang des Lebenszyklus.
Was genau das nun in der Praxis bedeutet, haben wir in einem Interview mit unserer Lieferketten-Expertin Amira Zauchner besprochen: Interview mit Lieferkettenexpertin Amira Zauchner

Der Einkauf als Schlüsselfunktion
In der Praxis landen diese Datenanforderungen nicht bei der Nachhaltigkeitsabteilung allein, sondern beim Einkauf: Kunden stellen vertragliche Anforderungen wie Supplier Codes of Conduct, erwarten externe Belege und Selbstauskünfte zu Arbeits- und Umweltstandards sowie Treibhausgasdaten für ihre Scope-3-Bilanz. Wer diese Daten- und Informationsbeschaffung erst angeht, wenn die Anfragen im Postfach landen, gerät schnell unter Zeitdruck.
Primär- oder Sekundärdaten – wann reicht was?
Die nächste Frage die sich stellt, ist die der Datenqualität. Grundsätzlich wird zwischen Primärdaten – also Daten aus dem eigenen Unternehmen bzw. direkt von Lieferanten – und Sekundärdaten wie Hochrechnungen, Datenbank- oder Literaturwerten unterschieden. Für eine belastbare Datenqualität sollten möglichst Primärdaten verwendet werden. Von Anfang an lückenlose Primärdaten für alle Lieferanten zu erheben ist kaum möglich. Hier lässt sich die Praxis der Treibhausgasbilanzierung auch auf andere Lieferkettendaten übertragen. Der GHG-Protocol-Standard empfiehlt ein priorisiertes Vorgehen: zuerst Konzentration auf die größten Positionen – das heißt auf Waren und Dienstleistungen, die den Großteil des Einkaufsvolumens ausmachen, sowie auf einzelne Positionen mit besonderem Gewicht oder Risiko.[5] Für die verbleibenden Bereiche sind Sekundärdaten ein durchaus anerkanntes und praktikables Ausweichverfahren. Wichtig ist, auch Kontextinformationen zu Datenquellen und Berechnungsmethoden bei Lieferanten abzufragen, um die Datenqualität beurteilen zu können.
Der nächste Treiber: Rohstoffverfügbarkeit statt nur Herkunft
Neben Compliance-Fragen und Anforderungen von Kunden und Finanzmarkt rückt zunehmend eine weitere Dimension in den Fokus – wie sicher die Versorgung mit benötigten Rohstoffen überhaupt noch ist. Die Ausgangslage ist ernüchternd – und für Österreich besonders: Beispielsweise werden rund 80 % der metallischen Inputs (physische Erze und Metalle) und etwa 97 % der fossilen Energieträger importiert.[6] Als kleine, exportstarke Nation hängt Österreich an denselben globalen Lieferketten wie seine Nachbarn: Deutschland etwa ist bei primären Metallerzen zu nahezu 100 % importabhängig – und davon stammt nur rund die Hälfte aus Europa, der Rest aus Nord- und Südamerika, Afrika und Asien.[7] Einzelne Rohstoffe hängen sogar an einem einzigen Land: Aluminium etwa am Vorstoff Bauxit, das fast ausschließlich aus Guinea stammt.[7] Und das betrifft längst nicht nur die Schwerindustrie: Silber steckt in Wundauflagen, Wasserfiltern und Textilien, Gallium und Germanium in Halbleitern, Selen in Solarmodulen, Lithium und Kobalt in Batterien.[7] Die „kritischen“ Rohstoffe tragen Gesundheit, Digitalisierung und Energiewende gleichermaßen – Rohstoffresilienz ist damit ein Thema für nahezu jede Branche.

Genau hier setzen Kreislaufstrategien an. Deutschland will mit seiner Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) durch längeren Ressourcenerhalt und Kreislaufführung unabhängiger von Importen werden. Geschlossene Stoffkreisläufe – von Baustoffen bis zu kritischen Industriemetallen – sollen die Rohstoffversorgung sichern und einseitige Abhängigkeiten verringern.[8] Österreich verfolgt dieselbe Stoßrichtung: mit der Kreislaufwirtschaftsstrategie und der Industriestrategie 2035, die Rohstoffsouveränität und Resilienz ausdrücklich zum Ziel erklären.[9] In beiden Ländern ist Kreislaufwirtschaft von der Umwelt- zur Standort- und Risikofrage geworden.
Ergebnisse gibt es sind bereits heute, wenn auch nicht in ausreichendem Maße: Am deutschen Markt stammen 72 % des verfügbaren Aluminiums, 62 % des Bleis, 46 % des Rohstahls und 41 % des Kupfers aus Sekundärrohstoffen.[10] Recycling senkt die Importabhängigkeit also spürbar – vollständig ersetzen kann es den Primärbedarf aber nicht, solange die Nachfrage steigt und viele Metalle noch in Produkten gebunden sind (die „Urban Mine“ ist noch nicht verfügbar).[7] Wie viel Luft nach oben bleibt, zeigt der Blick auf die gesamte Wirtschaft: Über alle Materialien hinweg liegt Österreichs Kreislaufquote (Circular Material Use Rate) erst bei rund 14 %.[11]
Warum sich ein freiwilliger Bericht lohnt
Ob Kundenanforderung, CO₂-Bilanz oder Rohstoffrisiko – sie alle laufen an derselben Stelle zusammen: bei der Frage, welche Daten ein Unternehmen über seine Lieferkette überhaupt hat. Genau hier setzt ein freiwilliger Bericht an – etwa nach dem neuen VS-Standard (Option Comprehensive) oder freiwillig nach ESRS (revised). Er zwingt dazu, sich diesen Fragen rechtzeitig zu stellen: Welche Daten habe ich? Wie belastbar sind diese? Wo reichen durchschnittliche Branchenwerte? Wo brauche ich echte Lieferantenauskünfte? Und wo verbergen sich Abhängigkeiten und Kreislaufpotenziale, die sonst niemand sichtbar macht? Der Prozess selbst ist der Wert – nicht nur das fertige Dokument. Und wer einmal durch eine strukturierte Datenerhebung gegangen ist, reagiert gelassener, wenn die nächste Kunden- oder Bankanfrage kommt.
Quellen
[1] Europäische Kommission (2026): Richtlinie (EU) 2026/470 – https://eur-lex.europa.eu/eli/dir/2026/470/oj/deu; Überblick: Omnibus package (2025) – https://finance.ec.europa.eu/news/omnibus-package-2025-04-01_en
[2] BAFA (2025): Lieferkette – Berichtspflicht – https://www.bafa.de/DE/Lieferketten/Berichtspflicht/berichtspflicht_node.html
[3] Europäische Kommission (2025): Empfehlung zur Anwendung des VSME/VS-Standards (30.07.2025) – https://ec.europa.eu/finance/docs/law/250730-recommendation-vsme_de.pdf
[4] Lidl Österreich (2024): Lidl verstärkt Klima-Engagement – https://corporate.lidl.at/media-center/pressreleases/2024/20240920_netzero; Lidl (2025): Scope 3 – https://info.lidl/de/unsere-verantwortung/klima-schuetzen/scope-3
[5] GHG Protocol (2011): Corporate Value Chain (Scope 3) Accounting and Reporting Standard – https://ghgprotocol.org/sites/default/files/ghgp/standards/Corporate-Value-Chain-Accounting-Reporing-Standard_041613_2.pdf
[6] Statistik Austria (2026): Umweltgesamtrechnungen – Materialflussrechnung 2000–2024 (Datenjahr 2024, vorläufig) – https://www.statistik.at/fileadmin/publications/Projektbericht-Umweltgesamtrechnungen2024-Materialfluss.pdf
[7] BGR (2025): Deutschland – Rohstoffsituation 2024 (Datenjahr 2024) – https://www.bgr.bund.de/DE/Themen/Rohstoffe/Downloads/Downloads-MR/rohsit-2024.html
[8] BMUKN (2024): Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) – https://www.bundesumweltministerium.de/themen/kreislaufwirtschaft/kreislaufwirtschaftsstrategie
[9] BMK/BMLUK (2022): Die österreichische Kreislaufwirtschaftsstrategie – https://nachhaltigwirtschaften.at/de/publikationen/strategien/kreislaufwirtschaftsstrategie.php; BMWET/BMIMI/BMEIA (2026): Industriestrategie Österreich 2035 – https://www.bmwet.gv.at/dam/jcr:2e6803e4-89cd-4a29-bfe6-a3161e066ad4/Industriestrategie.pdf
[10] bvse – Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung u. a. (2026): Statusbericht der deutschen Kreislaufwirtschaft 2026 (Datenjahr 2024) – https://www.bvse.de/recycling/recycling-nachrichten/12795-statusbericht-der-deutschen-kreislaufwirtschaft-2026-veroeffentlicht.html
[11] Europäische Umweltagentur (EEA) (2025): Europe’s environment 2025 – Circular Material Use Rate: Austria, 14,3 % (Datenjahr 2023) – https://www.eea.europa.eu/en/europe-environment-2025/countries/austria/circular-material-use-rate; Statistik Austria (2025): (Datenjahr 2023) – https://kreislaufwirtschaft.statistik.at/kreislaufwirtschaft/