Ohne Daten keine Dekarbonisierung: Warum die THG-Bilanz Ihr wichtigstes Steuerungsinstrument ist

Klimaziele sind gesetzt, der Druck steigt. Regulatorische Vorgaben, ambitionierte Klimastrategien von Wettbewerbern sowie steigende Erwartungen von Kund:innen, Investor:innen und Mitarbeitenden verlangen von Unternehmen eine deutliche Reduktion ihrer Treibhausgasemissionen. 

Doch der erste Schritt ist oft der schwierigste: Viele Unternehmen wissen nicht, wie hoch ihre Emissionen tatsächlich sind – und wo sie entstehen. Besonders indirekte Emissionen entlang der Wertschöpfungskette (Scope 3) bleiben häufig eine Black Box. 

Dabei ist klar: Ohne solide THG-Bilanzierung keine wirksame Dekarbonisierung. 

Inhaltsverzeichnis

Das Wichtigste zusammengefasst

  • Eine THG-Bilanz ist vor allem Datenarbeit – nicht Rechenkunst.
  • Ungenaue oder lückenhafte Daten verhindern gezielte und wirksame Klimamaßnahmen.
  • Scope 3 ist meist der größte Hebel – und zugleich die größte Herausforderung.
  • Priorisierung und kontinuierliche Verbesserung sind entscheidender als Perfektion.

Das Problem: Viele Entscheidungen, zu wenig belastbare Daten 

Die Erstellung einer Treibhausgasbilanz ist keine reine Rechenaufgabe. Im Kern geht es um das Identifizieren, Sammeln, Strukturieren und Bewerten von Daten – die eigentliche Berechnung ist vergleichsweise simpel. 

Bereits zu Beginn sind grundlegende Entscheidungen zu treffen: 

  • Systemgrenzen: Welche Aktivitäten und Prozesse werden berücksichtigt? 
  • Organisatorische Grenzen: z. B. Equity Share oder Control-Ansätze (Financial/Operational Control) 
  • Methodische Grundlagen & Reporting-Anforderungen: z. B. Anforderungen aus der CSRD/ESRS für die Berichterstattung (inkl. Scope 1–3 und Aufschlüsselung wesentlicher Scope-3-Kategorien).  

Diese Definitionen sollten früh erfolgen, weil sie maßgeblich bestimmen, welche Daten überhaupt erhoben werden müssen. Gleichzeitig lohnt sich ein kurzer Blick nach vorne: Sind in den nächsten Jahren Änderungen absehbar – etwa M&A, Standortwechsel oder neue Berichtspflichten? Solche Überlegungen helfen, spätere Anpassungen (z. B. an Basisjahren und Vergleichbarkeit) strukturiert und nachvollziehbar zu halten. 

Sobald diese Entscheidungen getroffen sind, wird klar, welche Daten zu erheben sind – und wo die größten Herausforderungen liegen: 

  • Verbrauchs- und Aktivitätsdaten sind dezentral, unvollständig oder nicht verfügbar. 
  • Für viele Emissionsquellen müssen Schätzungen oder Durchschnittswerte verwendet werden – insbesondere bei eingekauften Vorleistungen, Transporten oder Dienstleistungen. 
  • Scope-3-Kategorien umfassen große Teile der Wertschöpfungskette und erfordern Daten von Lieferanten oder anderen externen Quellen. 

Bleiben diese Hürden ungelöst, entstehen THG-Bilanzen mit hoher Unsicherheit. Das erschwert die Ableitung wirksamer Maßnahmen, die Bewertung von Fortschritten und eine glaubwürdige Berichterstattung. 

Grafik: Wichtige Entscheidungen für die THG-Bilanz

Typische Entscheidungsfragen: Was Sie ohne THG-Bilanz nicht beantworten können 

Ohne fundierte Emissionsdaten bleiben zentrale strategische Fragen unbeantwortet, zum Beispiel: 

  • Sollten unsere Logistikpartner verpflichtend auf alternative Kraftstoffe umstellen? 
  • Welche Rohstoffe oder Materialien prägen unseren Corporate Carbon Footprint am stärksten? 
  • Welche Dienstleister oder Vorleistungen tragen wesentlich zu unseren Emissionen bei? 
  • Müssen wir unser Produkt- oder Leistungsportfolio anpassen? 
  • Investieren wir primär in E-Mobilität oder in erneuerbaren Strom? 
  • Können – und sollten – wir uns zu wissenschaftsbasierten Klimazielen bekennen (z. B. über die Science Based Targets initiative)?… 

Ohne belastbare Daten bleiben diese Entscheidungen intuitiv statt strategisch. Und das ist das eigentliche Problem: Nicht die fehlende Zahl an sich – sondern die fehlende Steuerungsfähigkeit. 

Die Lösung: Priorisieren statt perfektionieren 

Wie geht man mit der Datenlast am besten um? Der Schlüssel liegt nicht in Perfektion, sondern in Priorisierung. Es ist weder realistisch noch notwendig, von Beginn an für alle Emissionsquellen perfekte Daten zu haben. Entscheidend ist, dort anzusetzen, wo die größten Hebel liegen. 

Ein bewährter Ansatz zur Datenerhebung und -verbesserung umfasst: 

  • Fokus auf das Wesentliche: Welche Emissionsquellen dominieren? Wo bestehen Risiken, regulatorischer Druck oder strategische Abhängigkeiten? 
  • Gezielte Verbesserung der Datenqualität: In emissionsintensiven Kategorien lohnt sich der Mehraufwand besonders. 
  • Aktivierung interner und externer Datenquellen: Zusammenarbeit mit Fachabteilungen, Dienstleistern und Lieferanten statt isolierter Excel-Lösungen. 
  • Transparente Dokumentation: Annahmen, Datenquellen und Unsicherheiten nachvollziehbar festhalten – als Basis für Prüfung, Vergleichbarkeit und Weiterentwicklung. 

Diese Logik passt auch zur Richtung, die sich in aktuellen Zielsetzungs-Diskussionen zeigt: Der Corporate Net-Zero Standard V2.0 (Draft) der SBTi setzt stärker auf einen fokussierten Scope-3-Ansatz, bei dem Quellen, die mehr als 5% der gesamten Scope-3-Emissionen ausmachen, priorisiert werden können.  

Und ganz pragmatisch aus der Praxis: In späteren Bilanzjahren wird die Methodik für klar untergeordnete Kategorien oft vereinheitlicht oder vereinfacht, um Aufwand zu sparen – solange transparent dokumentiert ist, warum das die Aussagekraft nicht wesentlich verändert. 

Worauf es bei der ersten THG-Bilanz wirklich ankommt 

Aus unserer Beratungspraxis zeigen sich drei zentrale Erfolgsfaktoren: 

  1. Pragmatische und strukturierte Datenerhebung: Die Bilanz muss jährlich aktualisierbar sein. Wird der Aufwand unpraktikabel, sollte der Ansatz angepasst werden.
  2. Nachvollziehbare und prüffähige Dokumentation: Methodik, Datenquellen und Annahmen müssen intern wie extern verständlich sein – insbesondere mit Blick auf Offenlegung und (wo relevant) Prüfung. 
  3. Anschlussfähigkeit an Strategie und Berichterstattung: Eine THG-Bilanz hat keinen Selbstzweck. Ihr eigentlicher Wert liegt darin, Klimastrategien, Zielsysteme und Transformationspläne zu ermöglichen. Diese Anforderungen sollten bereits bei der Bilanzierung mitgedacht werden. 

Fazit: Steuerungsfähigkeit schlägt Vollständigkeit 

Eine THG-Bilanz ist kein Pflichtdokument, sondern die Grundlage wirksamer Klimamaßnahmen. Entscheidend ist nicht maximale Detailtiefe, sondern ob die Bilanz Entscheidungen ermöglicht. 

In unserer Arbeit sehen wir immer wieder: Wenn Unternehmen ihre THG-Bilanz als Managementinstrument verstehen, wird sie zur Basis für Zielpfade, Maßnahmen und eine konsistente Berichterstattung. Genau dort setzen auch unsere Formate zur klimabezogenen Entscheidungsfindung und internen Befähigung an – vom gemeinsamen Einordnen bis zur praktischen Umsetzung. 

Denn eines ist sicher: Ohne belastbare, nutzbare Daten wird das nichts. 

Weiterführende Informationen 

Klimabezogene Anforderungen nehmen zu – von THG-Bilanzierung über CSRD bis hin zu Erwartungen aus Finanzierung, Lieferkette und Markt. Die THG-Bilanz ist dabei nur ein Baustein in einem zunehmend komplexen Regulierungsumfeld. 

Neben klassischer Beratung bieten wir Workshops/Praxisseminare, die gezielt zur Vertiefung und Befähigung interner Teams beitragen, sowie regelmäßige Webinare, in der wir aktuelle Entwicklungen, methodische Fragen und Praxisbeispiele aufgreifen. 

Einen Einblick in unsere Arbeitsweise und eingesetzten Methoden bietet auch unser Climate Toolkit: klima.susform.at 

Quellen

[1] https://www.efrag.org/en/draft-simplified-esrs  

[2] https://files.sciencebasedtargets.org/production/files/CNZS-V2-Second-Consultation-Draft.pdf?dm=1762285041  

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